Interview mit Ann-Marie Backmann: „Beziehungsstarke Lehrkräfte bleiben länger gesund“

Veröffentlicht am 23. August 2026 von Nora Herdegen und Jennifer Torma.

Wie gelingt es Lehrkräften, bei allen Belastungen und Herausforderungen ihre Begeisterung für den Beruf nicht zu verlieren, gesund und beziehungsstark zu bleiben? In ihrem Buch „Schule ohne Burnout“ vermittelt die Lehrerin Ann-Marie Backmann Strategien und konkrete Tipps, wie jede und jeder Einzelne bei sich selbst beginnen kann – um dann gemeinsam das gesamte System zu verbessern. Wir haben mit der Autorin gesprochen.

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mo­bi­le.schu­le: In Ih­rem Buch „Schu­le ohne Burn out“ be­schrei­ben Sie ei­ge­ne Er­fah­run­gen als Leh­re­rin, Mut­ter und Coach. Was war der Aus­lö­ser für das Buch?

Ich habe mich lan­ge ge­fragt, ob es nur mir so geht. Zu Be­ginn mei­ner Ar­beit an ei­ner Ge­samt­schu­le wur­de mir schnell klar: Be­zie­hungs­ar­beit ist das A und O un­se­res Be­rufs, aber wir ler­nen sie nir­gend­wo sys­te­ma­tisch. Spä­ter habe ich eine Coa­ching-Aus­bil­dung ge­macht und dort Werk­zeu­ge ken­nen­ge­lernt, die sich sehr gut auf Schu­le über­tra­gen las­sen.

Als ich Mut­ter wur­de, ka­men The­men wie Zeit­ma­nage­ment, Men­tal Load und Prio­ri­tä­ten hin­zu. Da­bei wur­de mir deut­lich, dass Lehr­kräf­te von die­sen Be­las­tun­gen be­son­ders be­trof­fen sind. Dar­aus ent­stand die zen­tra­le Fra­ge des Bu­ches: Wie kön­nen Lehr­kräf­te ge­sund und gleich­zei­tig be­zie­hungs­stark blei­ben? Denn letzt­lich geht es nicht nur um die Ge­sund­heit von Er­wach­se­nen, son­dern auch dar­um, dass Kin­der ver­läss­li­che Be­zugs­per­so­nen ha­ben, die sie gut be­glei­ten kön­nen.

mo­bi­le.schu­le: Sie spre­chen von „be­zie­hungs­star­ken“ Lehr­kräf­ten. War­um hängt das so eng mit Ge­sund­heit zu­sam­men?

Weil Schu­le im­mer Be­zie­hung ist. Ler­nen fin­det nicht los­ge­löst von Be­zie­hun­gen statt. Kin­der er­le­ben ge­sell­schaft­li­che Her­aus­for­de­run­gen in der Schu­le wie un­ter ei­nem Brenn­glas. Wenn wir dau­er­haft ge­sund blei­ben wol­len, müs­sen wir be­zie­hungs­stark ar­bei­ten.

Das hat nichts mit Ku­schel­päd­ago­gik zu tun. Es geht um Selbst­wirk­sam­keit. Ich blei­be eher ge­sund, wenn ich er­le­be, dass mei­ne Ar­beit bei den Kin­dern an­kommt, dass Re­so­nanz ent­steht und nicht nur Kon­flik­te. Gute Be­zie­hun­gen hel­fen Kin­dern, aber sie hel­fen auch uns Lehr­kräf­ten.

mo­bi­le.schu­le: Vie­le Lehr­kräf­te star­ten mo­ti­viert ins neue Schul­jahr und füh­len sich we­ni­ge Wo­chen spä­ter schon wie­der

über­las­tet. Was emp­feh­len Sie? Es ist ja so ein Phä­no­men, dass sich Lehr­kräf­te zum neu­en Schul­jahr vor­neh­men: „Die­ses Jahr wird al­les an­ders“. „Ab jetzt ach­te ich auf mei­ne Gren­zen“ oder „Ich ma­che ganz tol­len Un­ter­richt“. Nach ein paar Wo­chen aber merkt man, dass sich gar nichts ge­än­dert hat, weil wir selbst es na­tür­lich sind, die los­ge­hen müss­ten.

Der ers­te Schritt ist also, zu er­ken­nen, dass man über­haupt Ein­fluss hat. Vie­le glau­ben, sie bräuch­ten eine an­de­re Klas­se, eine an­de­re Schul­lei­tung oder eine an­de­re Schu­le. Aber zu­nächst soll­te man sich fra­gen: Wo­für ma­che ich das ei­gent­lich? Nicht nur ra­tio­nal, son­dern emo­tio­nal. Wo­für ste­he ich mor­gens auf und fah­re in die Schu­le? Das wird zu ei­nem An­ker. Wenn ich das klar habe, kann ich be­wuss­ter ent­schei­den, was ich tue und was nicht. Dann fällt es auch leich­ter, Gren­zen zu set­zen und ge­le­gent­lich „Nein!“ zu sa­gen.

mo­bi­le.schu­le: In Ih­rem Buch spie­len die Be­grif­fe „Men­tal Load“ und „Emo­tio­nal Load“ eine wich­ti­ge Rol­le. Wo liegt der Un­ter­schied?

„Men­tal Load“ ken­nen in zwi­schen vie­le. Ge­meint ist nicht nur die Men­ge an Auf­ga­ben, son­dern die Ver­ant­wor­tung da­für. Lehr­kräf­te tra­gen stän­dig Ver­ant­wor­tung und kön­nen vie­les nur schwer de­le­gie­ren.

We­ni­ger be­ach­tet wird die emo­tio­na­le Ar­beit, die wir täg­lich leis­ten. Wir den­ken stän­dig dar­über nach, wie an­de­re re­agie­ren könn­ten, wer Un­ter­stüt­zung braucht, wer mit wem Schwie­rig­kei­ten hat. Gleich­zei­tig stel­len wir un­se­re ei­ge­nen Ge­füh­le oft hin­ten an. Das rächt sich ir­gend­wann – wir sind eben kei­ne Ma­schi­nen.

mo­bi­le.schu­le: Wor­an er­ken­nen Lehr­kräf­te, dass sie ge­fähr­det sind?

Ein Warn­si­gnal ist, wenn die ei­ge­ne Stress­re­gu­la­ti­on nicht mehr funk­tio­niert. Man­che be­rich­ten, dass sie in der Schu­le noch freund­lich und zu­ge­wandt sind, zu Hau­se aber we­gen Klei­nig­kei­ten die Be­herr­schung ver­lie­ren.

Wei­te­re Hin­wei­se sind Ent­schei­dungs­mü­dig­keit, emo­tio­na­le Ab­stump­fung oder Schlaf­pro­ble­me. Vie­le lie­gen nachts wach, den­ken an die Schu­le oder schrei­ben sich stän­dig neue Auf­ga­ben auf. Sol­che Si­gna­le soll­te man ernst neh­men.

mo­bi­le.schu­le: Sie be­schrei­ben zehn Stra­te­gien ge­gen Über­las­tung. Wel­che drei wür­den Sie be­son­ders her­vor­he­ben?

Die ers­te ist Selbst­re­fle­xi­on. Vie­le Be­las­tun­gen ent­ste­hen durch ei­ge­ne Über­zeu­gun­gen und Er­war­tun­gen. Des­halb lohnt es sich, die ei­ge­ne „Land­kar­te“ bes­ser ken­nen­zu­ler­nen.

Die zwei­te ist Team­ar­beit. Das tra­di­tio­nel­le Ein­zel­kämp­fer­tum macht vie­le Lehr­kräf­te krank. In gu­ter Zu­sam­men­ar­beit steckt ein enor­mes Ent­las­tungs­po­ten­zi­al. Man muss nicht al­les al­lein lö­sen.

Die drit­te Stra­te­gie ist, Ver­ant­wor­tung an die Schü­le­rin­nen und Schü­ler zu­rück­zu­ge­ben. Kin­der sind kei­ne Geg­ner, son­dern Teil des Teams. Wenn sie Ver­ant­wor­tung über­neh­men dür­fen, er­le­ben sie Selbst­wirk­sam­keit. Gleich­zei­tig ent­las­tet das die Lehr­kraft.

#mo­bi­le.schu­le: Ei­ni­ge Ih­rer Aus­sa­gen klin­gen nach ei­nem grund­le­gen­den Kul­tur­wan­del in Schu­le.

Ja, denn wenn wir die­se Ge­dan­ken kon­se­quent wei­ter­den­ken, ver­än­dert sich Schu­le. Dann geht es stär­ker um Lern­be­glei­tung als um rei­ne Wis­sens­ver­mitt­lung. Das funk­tio­niert nur ge­mein­sam und setzt eine an­de­re Form der Zu­sam­men­ar­beit vor­aus.

mo­bi­le.schu­le: Di­gi­ta­le Werk­zeu­ge und KI ver­hei­ßen Ent­las­tung. Er­füllt sich die­ses Ver­spre­chen?

Das kann sich er­fül­len, wenn man zu­erst das Pro­blem iden­ti­fi­ziert und dann das pas­sen­de Werk­zeug aus­wählt. Vie­le ma­chen es um ge­kehrt und hof­fen, dass eine neue App ihre Be­las­tung löst. Ent­schei­dend bleibt die Fra­ge: Wo­bei ge­nau soll ein be­stimm­tes Werk­zeug hel­fen?

mo­bi­le.schu­le: Wie soll­te Schu­le Ih­rer Mei­nung nach mit KI um­ge­hen?

Sie soll­te KI zum Ge­gen­stand des Ler­nens ma­chen, statt sie aus­zu­sper­ren oder zu ver­bie­ten. Schü­le­rin­nen und Schü­ler müs­sen ler­nen, wie KI funk­tio­niert, wel­che Gren­zen sie hat und wie man ihre Er­geb­nis­se kri­tisch be­wer­tet. Wenn wir KI in den Un­ter­richt in­te­grie­ren, kön­nen wir ge­nau dar­über ins Ge­spräch kom­men.

mo­bi­le.schu­le: Ver­än­dert KI auch die Rol­le der Lehr­kraft?

Ja, und das ver­un­si­chert man­che. Frü­her hat­ten Lehr­kräf­te ei­nen Wis­sens­vor­sprung. Heu­te kön­nen Schü­le­rin­nen und Schü­ler In­for­ma­tio­nen je­der­zeit ab­ru­fen. Da­durch wird die Lehr­kraft aber nicht über­flüs­sig. Ihre Rol­le ver­än­dert sich. Be­zie­hung, Ori­en­tie­rung, Re­fle­xi­on und Be­glei­tung wer­den wich­ti­ger. Ge­nau die­se Din­ge kann KI nicht er­set­zen.

mo­bi­le.schu­le: Zum Schluss: Was müss­te sich im Schul­sys­tem ver­än­dern, da­mit Lehr­kräf­te dau­er­haft ent­las­tet wer­den?

Wir soll­ten Schu­le ge­sell­schaft­lich hö­her be­wer­ten. Schu­le ist nicht nur für Kin­der wich­tig, son­dern für die ge­sam­te Ge­mein­schaft. Ich wün­sche mir Schu­len, die stär­ker als Orte des Zu­sam­men­kom­mens für alle Men­schen ei­ner Stadt oder Re­gi­on ver­stan­den wer­den.

Gleich­zei­tig soll­ten Lehr­kräf­te sich be­wusst ma­chen, dass sie Teil des Sys­tems sind und Ein­fluss ha­ben. Nie­mand kann al­lein das Bil­dungs­sys­tem ver­än­dern. Aber jede Lehr­kraft kann im ei­ge­nen Um­feld et­was be­we­gen. Und oft be­ginnt Ver­än­de­rung ge­nau dort.

mo­bi­le.schu­le: Vie­len Dank für das Ge­spräch!

Zum Ma­ga­zin

Die Teilnahme von mobile.schule an der LEARNTEC 2025 vom 6. bis 8. Mai war ein voller Erfolg. Zahlreiche Lehrkräfte nutzten die Gelegenheit, um unser spannendes und vielseitiges Fortbildungsprogramm zu erleben und sich praxisnah weiterzubilden.