Interview mit Ann-Marie Backmann: „Beziehungsstarke Lehrkräfte bleiben länger gesund“
Wie gelingt es Lehrkräften, bei allen Belastungen und Herausforderungen ihre Begeisterung für den Beruf nicht zu verlieren, gesund und beziehungsstark zu bleiben? In ihrem Buch „Schule ohne Burnout“ vermittelt die Lehrerin Ann-Marie Backmann Strategien und konkrete Tipps, wie jede und jeder Einzelne bei sich selbst beginnen kann – um dann gemeinsam das gesamte System zu verbessern. Wir haben mit der Autorin gesprochen.
mobile.schule: In Ihrem Buch „Schule ohne Burn out“ beschreiben Sie eigene Erfahrungen als Lehrerin, Mutter und Coach. Was war der Auslöser für das Buch?
Ich habe mich lange gefragt, ob es nur mir so geht. Zu Beginn meiner Arbeit an einer Gesamtschule wurde mir schnell klar: Beziehungsarbeit ist das A und O unseres Berufs, aber wir lernen sie nirgendwo systematisch. Später habe ich eine Coaching-Ausbildung gemacht und dort Werkzeuge kennengelernt, die sich sehr gut auf Schule übertragen lassen.
Als ich Mutter wurde, kamen Themen wie Zeitmanagement, Mental Load und Prioritäten hinzu. Dabei wurde mir deutlich, dass Lehrkräfte von diesen Belastungen besonders betroffen sind. Daraus entstand die zentrale Frage des Buches: Wie können Lehrkräfte gesund und gleichzeitig beziehungsstark bleiben? Denn letztlich geht es nicht nur um die Gesundheit von Erwachsenen, sondern auch darum, dass Kinder verlässliche Bezugspersonen haben, die sie gut begleiten können.
mobile.schule: Sie sprechen von „beziehungsstarken“ Lehrkräften. Warum hängt das so eng mit Gesundheit zusammen?
Weil Schule immer Beziehung ist. Lernen findet nicht losgelöst von Beziehungen statt. Kinder erleben gesellschaftliche Herausforderungen in der Schule wie unter einem Brennglas. Wenn wir dauerhaft gesund bleiben wollen, müssen wir beziehungsstark arbeiten.
Das hat nichts mit Kuschelpädagogik zu tun. Es geht um Selbstwirksamkeit. Ich bleibe eher gesund, wenn ich erlebe, dass meine Arbeit bei den Kindern ankommt, dass Resonanz entsteht und nicht nur Konflikte. Gute Beziehungen helfen Kindern, aber sie helfen auch uns Lehrkräften.
mobile.schule: Viele Lehrkräfte starten motiviert ins neue Schuljahr und fühlen sich wenige Wochen später schon wieder
überlastet. Was empfehlen Sie? Es ist ja so ein Phänomen, dass sich Lehrkräfte zum neuen Schuljahr vornehmen: „Dieses Jahr wird alles anders“. „Ab jetzt achte ich auf meine Grenzen“ oder „Ich mache ganz tollen Unterricht“. Nach ein paar Wochen aber merkt man, dass sich gar nichts geändert hat, weil wir selbst es natürlich sind, die losgehen müssten.
Der erste Schritt ist also, zu erkennen, dass man überhaupt Einfluss hat. Viele glauben, sie bräuchten eine andere Klasse, eine andere Schulleitung oder eine andere Schule. Aber zunächst sollte man sich fragen: Wofür mache ich das eigentlich? Nicht nur rational, sondern emotional. Wofür stehe ich morgens auf und fahre in die Schule? Das wird zu einem Anker. Wenn ich das klar habe, kann ich bewusster entscheiden, was ich tue und was nicht. Dann fällt es auch leichter, Grenzen zu setzen und gelegentlich „Nein!“ zu sagen.
mobile.schule: In Ihrem Buch spielen die Begriffe „Mental Load“ und „Emotional Load“ eine wichtige Rolle. Wo liegt der Unterschied?
„Mental Load“ kennen in zwischen viele. Gemeint ist nicht nur die Menge an Aufgaben, sondern die Verantwortung dafür. Lehrkräfte tragen ständig Verantwortung und können vieles nur schwer delegieren.
Weniger beachtet wird die emotionale Arbeit, die wir täglich leisten. Wir denken ständig darüber nach, wie andere reagieren könnten, wer Unterstützung braucht, wer mit wem Schwierigkeiten hat. Gleichzeitig stellen wir unsere eigenen Gefühle oft hinten an. Das rächt sich irgendwann – wir sind eben keine Maschinen.
mobile.schule: Woran erkennen Lehrkräfte, dass sie gefährdet sind?
Ein Warnsignal ist, wenn die eigene Stressregulation nicht mehr funktioniert. Manche berichten, dass sie in der Schule noch freundlich und zugewandt sind, zu Hause aber wegen Kleinigkeiten die Beherrschung verlieren.
Weitere Hinweise sind Entscheidungsmüdigkeit, emotionale Abstumpfung oder Schlafprobleme. Viele liegen nachts wach, denken an die Schule oder schreiben sich ständig neue Aufgaben auf. Solche Signale sollte man ernst nehmen.
mobile.schule: Sie beschreiben zehn Strategien gegen Überlastung. Welche drei würden Sie besonders hervorheben?
Die erste ist Selbstreflexion. Viele Belastungen entstehen durch eigene Überzeugungen und Erwartungen. Deshalb lohnt es sich, die eigene „Landkarte“ besser kennenzulernen.
Die zweite ist Teamarbeit. Das traditionelle Einzelkämpfertum macht viele Lehrkräfte krank. In guter Zusammenarbeit steckt ein enormes Entlastungspotenzial. Man muss nicht alles allein lösen.
Die dritte Strategie ist, Verantwortung an die Schülerinnen und Schüler zurückzugeben. Kinder sind keine Gegner, sondern Teil des Teams. Wenn sie Verantwortung übernehmen dürfen, erleben sie Selbstwirksamkeit. Gleichzeitig entlastet das die Lehrkraft.
#mobile.schule: Einige Ihrer Aussagen klingen nach einem grundlegenden Kulturwandel in Schule.
Ja, denn wenn wir diese Gedanken konsequent weiterdenken, verändert sich Schule. Dann geht es stärker um Lernbegleitung als um reine Wissensvermittlung. Das funktioniert nur gemeinsam und setzt eine andere Form der Zusammenarbeit voraus.
mobile.schule: Digitale Werkzeuge und KI verheißen Entlastung. Erfüllt sich dieses Versprechen?
Das kann sich erfüllen, wenn man zuerst das Problem identifiziert und dann das passende Werkzeug auswählt. Viele machen es um gekehrt und hoffen, dass eine neue App ihre Belastung löst. Entscheidend bleibt die Frage: Wobei genau soll ein bestimmtes Werkzeug helfen?
mobile.schule: Wie sollte Schule Ihrer Meinung nach mit KI umgehen?
Sie sollte KI zum Gegenstand des Lernens machen, statt sie auszusperren oder zu verbieten. Schülerinnen und Schüler müssen lernen, wie KI funktioniert, welche Grenzen sie hat und wie man ihre Ergebnisse kritisch bewertet. Wenn wir KI in den Unterricht integrieren, können wir genau darüber ins Gespräch kommen.
mobile.schule: Verändert KI auch die Rolle der Lehrkraft?
Ja, und das verunsichert manche. Früher hatten Lehrkräfte einen Wissensvorsprung. Heute können Schülerinnen und Schüler Informationen jederzeit abrufen. Dadurch wird die Lehrkraft aber nicht überflüssig. Ihre Rolle verändert sich. Beziehung, Orientierung, Reflexion und Begleitung werden wichtiger. Genau diese Dinge kann KI nicht ersetzen.
mobile.schule: Zum Schluss: Was müsste sich im Schulsystem verändern, damit Lehrkräfte dauerhaft entlastet werden?
Wir sollten Schule gesellschaftlich höher bewerten. Schule ist nicht nur für Kinder wichtig, sondern für die gesamte Gemeinschaft. Ich wünsche mir Schulen, die stärker als Orte des Zusammenkommens für alle Menschen einer Stadt oder Region verstanden werden.
Gleichzeitig sollten Lehrkräfte sich bewusst machen, dass sie Teil des Systems sind und Einfluss haben. Niemand kann allein das Bildungssystem verändern. Aber jede Lehrkraft kann im eigenen Umfeld etwas bewegen. Und oft beginnt Veränderung genau dort.
mobile.schule: Vielen Dank für das Gespräch!
Die Teilnahme von mobile.schule an der LEARNTEC 2025 vom 6. bis 8. Mai war ein voller Erfolg. Zahlreiche Lehrkräfte nutzten die Gelegenheit, um unser spannendes und vielseitiges Fortbildungsprogramm zu erleben und sich praxisnah weiterzubilden.
Es war einer dieser typischen Tage: Mehrere E-Mails im Postfach, eine Lehrkräftekonferenz am Nachmittag, parallel liefen die Vorbereitungen für eine Projektwoche, und irgendwo dazwischen standen noch der nächste Beratungstermin und mein eigener Unterricht an. Nichts davon war überflüssig. Im Gegenteil: Jede einzelne Aufgabe hatte ihre eigene Berechtigung. Und genau das war das Problem.