Gastbeitrag von Simone Holl: „Wie De-Implementierung Schulen entlastet“

Veröffentlicht am 23. August 2026 von Nora Herdegen und Jennifer Torma.

Es war einer dieser typischen Tage: Mehrere E-Mails im Postfach, eine Lehrkräftekonferenz am Nachmittag, parallel liefen die Vorbereitungen für eine Projektwoche, und irgendwo dazwischen standen noch der nächste Beratungstermin und mein eigener Unterricht an. Nichts davon war überflüssig. Im Gegenteil: Jede einzelne Aufgabe hatte ihre eigene Berechtigung. Und genau das war das Problem.

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Die ei­gent­li­che Fra­ge lau­te­te plötz­lich nicht mehr: Was fehlt uns noch? Son­dern: Wie soll das al­les gleich­zei­tig ge­lin­gen? In die­ser Si­tua­ti­on fiel mir die zen­tra­le The­se des Buchs „We­ni­ger macht Schu­le“ von Be­ne­dikt Wis­niew­ski und Bar­ba­ra Gott­sch­ling ein: Schul­ent­wick­lung ge­lingt nicht nur durch das Hin­zu­fü­gen neu­er Maß­nah­men, son­dern durch das be­wuss­te Weg­las­sen. Die­ser Ge­dan­ke hat mei­nen Blick ver­än­dert.

In mei­ner Ar­beit als Re­fe­ren­tin und Mo­de­ra­to­rin in der Deut­schen Aka­de­mie für Päd­ago­gi­sche Füh­rungs­kräf­te (DAPF) der TU Dort­mund habe ich die­sen Im­puls mit Lehr­kräf­ten und Schul­lei­tun­gen aus un­ter­schied­li­chen Schul­for­men wei­ter­ge­dacht. Be­son­ders span­nend war da­bei: Vie­le be­rich­te­ten von sehr ähn­li­chen Be­las­tungs­er­fah­run­gen, hat­ten aber auch über­ra­schend kon­kre­te Ideen, was man weg­las­sen könn­te.

Den Tag der of­fe­nen Tür strei­chen?

Ein Bei­spiel, das in meh­re­ren Grup­pen dis­ku­tiert wur­de, war der Um­gang mit dem Tag der of­fe­nen Tür. Die Idee, die­sen klas­si­schen res­sour­cen­in­ten­si­ven Groß­ter­min ab­zu­schaf­fen und statt­des­sen in­di­vi­du­el­le Be­ra­tungs­mög­lich­kei­ten an­zu­bie­ten, be­schrie­ben vie­le als ent­las­tend und qua­li­ta­tiv ge­winn­brin­gend. An­de­re sa­hen je­doch kei­ne Mög­lich­keit, dar­auf zu ver­zich­ten, weil sie mit be­nach­bar­ten Schu­len kon­kur­rier­ten.

Das macht deut­lich, dass jede Schu­le ih­ren ei­ge­nen De-Im­ple­men­tie­rungs­pro­zess an­sto­ßen muss. Da­bei geht es nicht dar­um, noch ef­fi­zi­en­ter zu wer­den oder sich noch bes­ser zu or­ga­ni­sie­ren, son­dern an­ders zu ent­schei­den. Den Im­puls da­für gibt eine ein­fa­che, aber un­be­que­me Fra­ge:

Was könn­ten wir weg­las­sen, ohne schlech­ter zu wer­den?

Die­se Fra­ge mar­kier­te für das Max-Born-Be­rufs­kol­leg den Ein­stieg in die De-Im­ple­men­tie­rung. Nicht als Spar­pro­gramm, son­dern als be­wuss­te Stra­te­gie: We­ni­ger tun, um das Rich­ti­ge bes­ser zu ma­chen. Wir ha­ben das The­ma als Schul­ent­wick­lungs­pro­zess an­ge­legt. Der ers­te Schritt war be­wusst ein­fach – wir ha­ben uns die­se drei Fra­gen ge­stellt:

  1. Was ma­chen wir al­les?
  2. Was da­von ist oder war wirk­lich wirk­sam?
  3. Was bin­det be­son­ders vie­le Res­sour­cen?

Zum Ein­stieg habe ich als Schul­lei­te­rin ei­nen Im­puls­vor­trag ge­hal­ten. Da­mit habe ich zum ei­nen die „of­fi­zi­el­le“ Le­gi­ti­ma­ti­on er­teilt, Auf­ga­ben zu re­du­zie­ren. Zum an­de­ren war dies der Start­schuss für das Kol­le­gi­um und eine Steu­er­grup­pe aus 14 Lehr­kräf­ten, zwei Schü­ler­ver­tre­ter:in­nen und zwei ge­wähl­ten El­tern­ver­tre­tun­gen. Ge­mein­sam mit der Schul­lei­tung soll­ten sie im ers­ten Schritt Aspek­te sam­meln, dis­ku­tie­ren und an­schlie­ßend prio­ri­sie­ren. Hilf­reich war zu Be­ginn ein von der Ab­tei­lung Ge­stal­tungs­tech­nik ent­wor­fe­nes Pla­kat, das in den ver­schie­de­nen Leh­rer­zim­mern un­se­rer Schu­le für vier Wo­chen aus­hing.

Schwie­rig­kei­ten und Her­aus­for­de­run­gen

Be­ne­dikt Wis­niew­ski und Bar­ba­ra Gott­sch­ling be­schrei­ben in ih­rem Buch sehr tref­fend die Schwie­rig­kei­ten, die der De-Im­ple­men­tie­rung häu­fig ent­ge­gen­ste­hen. Wäh­rend die Idee oft auf Zu­stim­mung stößt, zeigt sich im kon­kre­ten Han­deln, wie tief Rou­ti­nen und Über­zeu­gun­gen im schu­li­schen All­tag ver­an­kert sind. Ty­pi­sche Aus­sa­gen sind: „Das ha­ben wir schon im­mer so ge­macht“, „Die an­de­ren er­war­ten das von uns“ oder „Das könn­te doch wich­tig sein.“ De-Im­ple­men­tie­rung greift in eta­blier­te Ab­läu­fe ein, stellt ge­wach­se­ne Struk­tu­ren in­fra­ge und kann so­gar das be­ruf­li­che Selbst­ver­ständ­nis von Lehr­kräf­ten tan­gie­ren. Psy­cho­lo­gi­sche Me­cha­nis­men be­güns­ti­gen häu­fig ein Fest­hal­ten am Be­stehen­den. Hin­zu kom­men struk­tu­rel­le und kul­tu­rel­le Hür­den im Sys­tem Schu­le.

Vor die­sem Hin­ter­grund wird deut­lich, dass De-Im­ple­men­tie­rung nicht al­lein durch ra­tio­na­le Ana­ly­se ge­lingt. Sie er­for­dert ei­nen ge­stal­te­ten Pro­zess, der Kom­mu­ni­ka­ti­on, Trans­pa­renz, Be­stär­kung und Be­tei­li­gung in den Mit­tel­punkt stellt. Ent­schei­dend ist, Zie­le klar zu for­mu­lie­ren, mög­li­che Wi­der­stän­de früh­zei­tig zu an­ti­zi­pie­ren und Räu­me für Aus­tausch und ge­mein­sa­me Ent­schei­dungs­fin­dung zu schaf­fen.

Un­ser wei­te­rer Pro­zess

Wir ste­hen noch re­la­tiv am An­fang: Die Steu­er­grup­pe der Schu­le hat in der Samm­lung auf den Pla­ka­ten Ele­men­te iden­ti­fi­ziert, die wir ge­nau­er an­schau­en wer­den. Für eine grö­ße­re Be­tei­li­gung ist im Herbst das For­mat „Borns Sa­lon“ ge­plant, in dem zu den in­ter­es­sier­ten Lehr­kräf­ten auch Schü­le­rin­nen und Schü­ler, El­tern und Be­triebs­ver­tre­ter:in­nen ein­ge­la­den sind, die nächs­ten Schrit­te zu pla­nen.

Zum Ma­ga­zin

Wie gelingt es Lehrkräften, bei allen Belastungen und Herausforderungen ihre Begeisterung für den Beruf nicht zu verlieren, gesund und beziehungsstark zu bleiben? In ihrem Buch „Schule ohne Burnout“ vermittelt die Lehrerin Ann-Marie Backmann Strategien und konkrete Tipps, wie jede und jeder Einzelne bei sich selbst beginnen kann – um dann gemeinsam das gesamte System zu verbessern. Wir haben mit der Autorin gesprochen.