Gastbeitrag von Simone Holl: „Wie De-Implementierung Schulen entlastet“
Es war einer dieser typischen Tage: Mehrere E-Mails im Postfach, eine Lehrkräftekonferenz am Nachmittag, parallel liefen die Vorbereitungen für eine Projektwoche, und irgendwo dazwischen standen noch der nächste Beratungstermin und mein eigener Unterricht an. Nichts davon war überflüssig. Im Gegenteil: Jede einzelne Aufgabe hatte ihre eigene Berechtigung. Und genau das war das Problem.
Die eigentliche Frage lautete plötzlich nicht mehr: Was fehlt uns noch? Sondern: Wie soll das alles gleichzeitig gelingen? In dieser Situation fiel mir die zentrale These des Buchs „Weniger macht Schule“ von Benedikt Wisniewski und Barbara Gottschling ein: Schulentwicklung gelingt nicht nur durch das Hinzufügen neuer Maßnahmen, sondern durch das bewusste Weglassen. Dieser Gedanke hat meinen Blick verändert.
In meiner Arbeit als Referentin und Moderatorin in der Deutschen Akademie für Pädagogische Führungskräfte (DAPF) der TU Dortmund habe ich diesen Impuls mit Lehrkräften und Schulleitungen aus unterschiedlichen Schulformen weitergedacht. Besonders spannend war dabei: Viele berichteten von sehr ähnlichen Belastungserfahrungen, hatten aber auch überraschend konkrete Ideen, was man weglassen könnte.
Den Tag der offenen Tür streichen?
Ein Beispiel, das in mehreren Gruppen diskutiert wurde, war der Umgang mit dem Tag der offenen Tür. Die Idee, diesen klassischen ressourcenintensiven Großtermin abzuschaffen und stattdessen individuelle Beratungsmöglichkeiten anzubieten, beschrieben viele als entlastend und qualitativ gewinnbringend. Andere sahen jedoch keine Möglichkeit, darauf zu verzichten, weil sie mit benachbarten Schulen konkurrierten.
Das macht deutlich, dass jede Schule ihren eigenen De-Implementierungsprozess anstoßen muss. Dabei geht es nicht darum, noch effizienter zu werden oder sich noch besser zu organisieren, sondern anders zu entscheiden. Den Impuls dafür gibt eine einfache, aber unbequeme Frage:
Was könnten wir weglassen, ohne schlechter zu werden?
Diese Frage markierte für das Max-Born-Berufskolleg den Einstieg in die De-Implementierung. Nicht als Sparprogramm, sondern als bewusste Strategie: Weniger tun, um das Richtige besser zu machen. Wir haben das Thema als Schulentwicklungsprozess angelegt. Der erste Schritt war bewusst einfach – wir haben uns diese drei Fragen gestellt:
- Was machen wir alles?
- Was davon ist oder war wirklich wirksam?
- Was bindet besonders viele Ressourcen?
Zum Einstieg habe ich als Schulleiterin einen Impulsvortrag gehalten. Damit habe ich zum einen die „offizielle“ Legitimation erteilt, Aufgaben zu reduzieren. Zum anderen war dies der Startschuss für das Kollegium und eine Steuergruppe aus 14 Lehrkräften, zwei Schülervertreter:innen und zwei gewählten Elternvertretungen. Gemeinsam mit der Schulleitung sollten sie im ersten Schritt Aspekte sammeln, diskutieren und anschließend priorisieren. Hilfreich war zu Beginn ein von der Abteilung Gestaltungstechnik entworfenes Plakat, das in den verschiedenen Lehrerzimmern unserer Schule für vier Wochen aushing.
Schwierigkeiten und Herausforderungen
Benedikt Wisniewski und Barbara Gottschling beschreiben in ihrem Buch sehr treffend die Schwierigkeiten, die der De-Implementierung häufig entgegenstehen. Während die Idee oft auf Zustimmung stößt, zeigt sich im konkreten Handeln, wie tief Routinen und Überzeugungen im schulischen Alltag verankert sind. Typische Aussagen sind: „Das haben wir schon immer so gemacht“, „Die anderen erwarten das von uns“ oder „Das könnte doch wichtig sein.“ De-Implementierung greift in etablierte Abläufe ein, stellt gewachsene Strukturen infrage und kann sogar das berufliche Selbstverständnis von Lehrkräften tangieren. Psychologische Mechanismen begünstigen häufig ein Festhalten am Bestehenden. Hinzu kommen strukturelle und kulturelle Hürden im System Schule.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass De-Implementierung nicht allein durch rationale Analyse gelingt. Sie erfordert einen gestalteten Prozess, der Kommunikation, Transparenz, Bestärkung und Beteiligung in den Mittelpunkt stellt. Entscheidend ist, Ziele klar zu formulieren, mögliche Widerstände frühzeitig zu antizipieren und Räume für Austausch und gemeinsame Entscheidungsfindung zu schaffen.
Unser weiterer Prozess
Wir stehen noch relativ am Anfang: Die Steuergruppe der Schule hat in der Sammlung auf den Plakaten Elemente identifiziert, die wir genauer anschauen werden. Für eine größere Beteiligung ist im Herbst das Format „Borns Salon“ geplant, in dem zu den interessierten Lehrkräften auch Schülerinnen und Schüler, Eltern und Betriebsvertreter:innen eingeladen sind, die nächsten Schritte zu planen.
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