Gastbeitrag von Sabrina Seyberth: "Warum KI im Grundschulunterricht unerlässlich wird"

Veröffentlicht am 23. August 2026 von Nora Herdegen und Jennifer Torma.

Seit dem Erscheinen frei zugänglicher KI-Chatbots schwanken viele Lehrkräfte und Eltern Seit dem Erscheinen frei zugänglicher KI-Chatbots schwanken viele Lehrkräfte und Eltern zwischen Faszination und Sorge. Wird jetzt niemand mehr selbst schreiben? Verlieren Kinder zwischen Faszination und Sorge. Wird jetzt niemand mehr selbst schreiben? Verlieren Kinder grundlegende Kompetenzen? Wird Lernen oberflächlich? Und braucht es Lehrkräfte überhaupt grundlegende Kompetenzen? Wird Lernen oberflächlich? Und braucht es Lehrkräfte überhaupt noch?

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Die­se Fra­gen sind ver­ständ­lich. Ge­ra­de in der Grund schu­le scheint die Vor­stel­lung ir­ri­tie­rend, dass be­reits jun­ge Kin­der mit KI-Sys­te­men ar­bei­ten. Vie­le ver­bin­den KI zu­nächst mit „Schum­meln“, mit fer­ti­gen Tex­ten auf Knopf­druck oder mit ei­nem wei­te­ren Bild­schirm, der Kin­der vom ei­gent­li­chen Ler­nen ab­hält.

Doch die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet in­zwi­schen nicht mehr, ob Kin­der mit KI in Kon­takt kom­men wer­den. Sie tun es längst. Die ei­gent­li­che Fra­ge ist viel­mehr: Wer­den sie da­bei be­glei­tet – oder al­lein­ge­las­sen?

Denn spä­tes­tens mit dem Über­gang auf wei­ter­füh­ren­de Schu­len be­sit­zen vie­le Kin­der ei­ge­ne Smart­phones. Dort be­geg­nen ih­nen KI-Sys­te­me nicht als päd­ago­gisch ge­stal­te­te Lern­werk­zeu­ge, son­dern als all­ge­gen­wär­ti­ge As­sis­ten­ten, die Tex­te schrei­ben, Bil­der er­zeu­gen, Haus­auf­ga­ben lö­sen oder In­for­ma­tio­nen schein­bar zu­ver­läs­sig prä­sen­tie­ren. Wer Kin­der bis da­hin voll­stän­dig von KI fern­hält, sorgt nicht da­für, dass sie spä­ter si­che­rer da­mit um­ge­hen – häu­fig be­geg­nen sie der Tech­no­lo­gie dann erst­mals ohne päd­ago­gi­sche Be­glei­tung. Da­bei wäre ge­ra­de die Grund­schu­le der rich­ti­ge Ort, um ei­nen re­flek­tier­ten, kri­ti­schen und krea­ti­ven Um­gang mit KI zu ent­wi­ckeln.

KI im Un­ter­richt

An der Grund­schu­le Op­fen­bach ar­bei­ten Kin­der be­reits seit meh­re­ren Jah­ren re­gel­mä­ßig mit di­gi­ta­len End­ge­rä­ten. Dort wird KI be­wusst nicht als Selbst­zweck ein­ge­setzt, son­dern als Werk­zeug in­ner­halb ei­nes me­di­en­päd­ago­gi­schen Ge­samt­kon­zepts. Die Kin­der ler­nen schritt­wei­se, wie KI funk­tio­niert, wo ihre Gren­zen lie­gen und wes­halb Er­geb­nis­se kri­tisch hin­ter­fragt wer­den müs­sen.

So ent­wi­ckeln Kin­der im Deutsch­un­ter­richt ei­ge­ne Ge­schich­ten und er­zeu­gen dazu Bil­der mit ei­ner KI. In ei­ner Un­ter­richts­ein­heit zum The­ma „Mons­ter in der Schu­le“ be­schrie­ben Dritt­kläss­ler zu­nächst mög­lichst ge­nau ihre Fan­ta­sie­fi­gu­ren. An­schlie­ßend for­mu­lier­ten sie Bild-Prompts für eine KI-Bild­ge­ne­rie­rung. Schnell merk­ten die Kin­der: Wer nur „Mons­ter in der Schu­le“ ein­gibt, er­hält be­lie­bi­ge Er­geb­nis­se. Erst prä­zi­se Spra­che führt zu pas­sen­den Bil­dern.

Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler er­gänz­ten des­halb im­mer mehr De­tails: Wie vie­le Au­gen hat das Mons­ter? Wel­che Far­be hat das Fell? Ist es freund­lich oder ge­fähr­lich? Sitzt es im Klas­sen­zim­mer oder auf dem Pau­sen­hof? Man­che Kin­der stell­ten da­bei fest, dass die KI ihre Vor­stel­lun­gen trotz schein­bar ge­nau­er Be­schrei­bung an­ders um­setz­te. Ein Mons­ter hat­te plötz­lich ein Auge zu viel, eine fal­sche Kör­per­hal­tung oder un­er­war­te­te Ge­gen­stän­de im Bild. Ge­nau die­se Ir­ri­ta­tio­nen wur­den zum Aus­gangs­punkt in­ten­si­ver Ge­sprä­che über Spra­che und Ge­nau­ig­keit.

Spra­che be­kommt eine neue Funk­ti­on

Plötz­lich dis­ku­tie­ren Grund­schul­kin­der über Ad­jek­ti­ve, Satz­bau und sprach­li­che Prä­zi­si­on – nicht, weil ein Ar­beits­blatt es ver­langt, son­dern weil ihre Be­schrei­bung sicht­bar wirk­sam wird. Kin­der ver­än­dern For­mu­lie­run­gen, er­gän­zen In­for­ma­tio­nen und re­flek­tie­ren ihre Spra­che. Aus ei­ner klas­si­schen Schreib­auf­ga­be wird ein hoch­gra­dig ak­ti­vie­ren­der Sprach­pro­zess. Auch Per­so­nen­be­schrei­bun­gen er­hal­ten da­durch eine neue Be­deu­tung. Frü­her ver­schwan­den vie­le Schü­ler­tex­te nach der Kor­rek­tur in Map­pen. Heu­te kön­nen Kin­der an­hand KI-ge­ne­rier­ter Bil­der un­mit­tel­bar über­prü­fen, ob ihre Be­schrei­bung tat­säch­lich ein­deu­tig und tref­fend war. Passt die Haar­far­be? Wur­de die Klei­dung prä­zi­se ge­nug be­schrie­ben? Ent­steht wirk­lich die ge­wünsch­te Fi­gur? Spra­che be­kommt eine un­mit­tel­ba­re Funk­ti­on.

Chan­cen und Ri­si­ken

Kris­tin van der Meer, die sich in­ten­siv mit KI in der Grund­schu­le be­schäf­tigt, be­tont des­halb, dass Kin­der kei­ne Ab­schot­tung, son­dern eine päd­ago­gisch be­glei­te­te Ein­füh­rung in KI be­nö­ti­gen. Ge­ra­de Grund­schul­kin­der sei­en häu­fig über­ra­schend kri­tisch im Um­gang mit KI-Sys­te­men. Sie hin­ter­fra­gen Er­geb­nis­se, er­ken­nen Feh­ler und dis­ku­tie­ren über Wahr­heits­ge­halt und Glaub­wür­dig keit. Eine Be­ob­ach­tung, die ich nur be­stä­ti­gen kann.

Und ge­nau dar­in liegt eine enor­me Chan­ce. Denn KI zwingt Schu­le letzt­lich dazu, sich stär­ker auf jene Kom­pe­ten­zen zu kon­zen­trie­ren, die oh­ne­hin zen­tral wer­den: kri­ti­sches Den­ken, Sprach­fä­hig­keit, Re­fle­xi­on, Krea­ti­vi­tät und Pro­blem­lö­sen.

Hin­zu kommt ein wei­te­rer Aspekt: KI kann Bil­dungs­un­gleich­hei­ten so­wohl ver­stär­ken als auch ab­fe­dern. Kin­der aus sprach­star­ken oder bil­dungs­na­hen Fa­mi­li­en ler­nen häu­fig be­reits zu­hau­se, di­gi­ta­le Werk­zeu­ge sinn­voll zu nut­zen. An­de­re Kin­der blei­ben mit so­zia­len Me­di­en, Vi­de­os und KI-Sys­te­men da­ge­gen weit­ge­hend sich selbst über­las­sen. Schu­le kann hier ein wich­ti­ger Aus­gleich sein – nicht durch un­kri­ti­sche Be­geis­te­rung, son­dern durch be­glei­te­tes Ler­nen.

Na­tür­lich ent­ste­hen auch Ri­si­ken. Tex­te las­sen sich schnell er­zeu­gen, ohne sie wirk­lich zu ver­ste­hen. Joscha Falck spricht hier von ei­ner Hal­tung der „AI Con­ve­ni­ence“ – der Ver­su­chung, sich mit schnel­len und ein­fa­chen Er­geb­nis­sen zu­frie­den­zu­ge­ben.

Umso wich­ti­ger wird eine Schu­le, die Kin­der von An­fang an be­wusst zum Den­ken, Hin­ter­fra­gen und Über­ar­bei­ten an­regt und da­mit dem von Falck be­schrie­be­nen Trend zur Ober­fläch­lich­keit ent­ge­gen­wirkt.

KI-Ge­dich­te mit Lern­ef­fekt

Ein in­ter­es­san­tes Bei­spiel er­gab sich bei ei­ner Un­ter­richts­rei­he zu Som­mer­ge­dich­ten. Die­se wur­de be­glei­tet von Frau Dr. Ca­ro­lin Don­hau­ser-Buch­mai­er, die uns im Rah­men ih­rer Tä­tig­keit zum Schul­ver­such KI@school un­ter­stütz­te. Die Kin­der schrie­ben zu­nächst ei­ge­ne Prompts und lie­ßen sich dar­aus Ge­dich­te von ei­ner KI er­zeu­gen. Ge­mein­sam wur­de dann ver­sucht, die­se KI-Tex­te sprach­lich zu ver­bes­sern oder krea­tiv wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Da­bei zeig­te sich über­ra­schend schnell ein zen­tra­les Pro­blem: Vie­le der KI ge­ne­rier­ten Ge­dich­te wirk­ten be­reits so „fer­tig“, glatt und voll­stän­dig, dass Kin­der kaum noch An­satz­punk­te fan­den, um ei­ge­ne Ideen ein­zu­brin­gen oder For­mu­lie­run­gen wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Die Tex­te lie­ßen we­nig Raum für ech­te Über­ar­bei­tung. Ei­ge­ne Schü­ler­tex­te da­ge­gen bo­ten deut­lich mehr Mög­lich­kei­ten zum ge­mein­sa­men Nach­den­ken, Ver­än­dern und Ver­bes­sern. Dar­aus ent­stand ein wich­ti­ger päd­ago­gi­scher Schluss: KI kann im Grund­schul­be­reich sehr hilf­reich sein – ins­be­son­de­re beim Struk­tu­rie­ren, Ideen­fin­den oder Über­ar­bei­ten ei­ge­ner Tex­te. Die ei­gent­li­che Text­pro­duk­ti­on durch KI soll­te je­doch ge­ra­de bei jün­ge­ren Kin­dern eher zu­rück­hal­tend ein­ge­setzt wer­den. Ent­schei­dend bleibt, dass Kin­der selbst schrei­ben, for­mu­lie­ren, ver­wer­fen und wei­ter­den­ken.

Lehr­kräf­te in der Ver­ant­wor­tung

Da­mit ver­bun­den wird auch die Rol­le der Lehr­kraft wich­ti­ger. Lehr­kräf­te soll­ten ler­nen, KI-Sys­te­me ge­zielt päd­ago­gisch zu steu­ern und nicht ein­fach of­fe­ne Chat­bots un­re­flek­tiert ein­zu­set­zen. Sinn­voll kön­nen bei­spiels­wei­se spe­zi­ell an­ge­leg­te Chat-As­sis­ten­ten sein, die Kin­der beim Den­ken un­ter­stüt­zen, Rück­fra­gen stel­len oder Hin­wei­se ge­ben, ohne so­fort per­fek­te Lö­sun­gen zu lie­fern. Vie­le KI-Platt­for­men so­wie staat­li­che und re­gio­na­le Fort­bil­dungs­in­sti­tu­te bie­ten hier­zu in­zwi­schen pra­xis­na­he Fort­bil­dun­gen für Lehr­kräf­te an.

Ge­ra­de des­halb braucht es Lehr­kräf­te mehr denn je. Nicht als rei­ne Wis­sens­ver­mitt­ler, son­dern als Lern­be­glei­ter:in­nen, Mo­de­ra­tor:in­nen und päd­ago­gi­sche Be­zugs­per­so­nen. Ver­ant­wor­tungs­vol­ler KI-Un­ter­richt be­deu­tet ge­nau das: Kin­der nicht mit ei­ner Tech­no­lo­gie, die ihre Welt dau­er­haft prä­gen wird, al­lein­zu­las­sen.

Zum Ma­ga­zin

Es war einer dieser typischen Tage: Mehrere E-Mails im Postfach, eine Lehrkräftekonferenz am Nachmittag, parallel liefen die Vorbereitungen für eine Projektwoche, und irgendwo dazwischen standen noch der nächste Beratungstermin und mein eigener Unterricht an. Nichts davon war überflüssig. Im Gegenteil: Jede einzelne Aufgabe hatte ihre eigene Berechtigung. Und genau das war das Problem.